13 OzeaneOzeane als Puffer mit Multiplikatoreffekt

Die Ozeane sind der grösste Energiepuffer des Klimasystems. Sie dämpfen kurzfristig die Lufterwärmung, verändern dabei aber ihre Chemie und Dynamik.

Kapitel 13 vertieft die Rolle der Ozeane. Sie speichern den Grossteil der Überschussenergie und mildern den Temperaturanstieg in der Atmosphäre, absorbieren CO₂ und bauen dabei Säure auf. Die Kapitel 4 eingeführten Puffergrössen werden hier weiter ausgeführt.

~90 %Anteil der Überschussenergie, der im Ozean landet
~30 %Anteil der jährlichen CO₂-Emissionen, der ozeanisch aufgenommen wird
-0,1 pHVersauerung seit der Industrialisierung

Energiepuffer

Der Ozean speichert den grössten Teil der überschüssigen Energie

Die Diskussion um Klimawandel fokussiert häufig auf die Lufttemperatur. Physikalisch ist diese Perspektive begrenzt, denn der überwiegende Teil der im System verbleibenden Energie landet im Ozean.
Wasser hat rund die vierfache Wärmekapazität von Luft. Die obersten Meter der Ozeane puffern deshalb einen Grossteil der kurzfristigen Erwärmung. Die Lufttemperatur steigt langsamer, als es die reine Energiebilanz erwarten liesse.
Diese Dämpfung hat einen Preis: Die Wärme wird über Jahrzehnte bis Jahrhunderte zurück an die Oberfläche und die Atmosphäre abgegeben. Emissionen von heute wirken damit auf Generationen.

Die spezifische Wärmekapazität ist ein Stoffwert: wie viel Energie nötig ist, um ein Kilogramm Material um ein Grad zu erwärmen. Für Wasser sind es 4,18 kJ pro kg und K. Für Luft bei konstantem Druck sind es rund 1,0 kJ pro kg und K. Wasser nimmt also pro Masse etwa vier Mal so viel Wärme auf wie Luft, ohne sich merklich stärker zu erwärmen.

Dazu kommt der enorme Dichte-Unterschied. Wasser ist rund 800-mal dichter als Luft. Pro Volumeneinheit nimmt Wasser damit etwa 3.200-mal so viel Wärme auf wie Luft.

Die Konsequenz ist drastisch. Die gesamte Lufthülle der Erde hat eine Masse von rund 5 × 10¹⁸ kg. Die obersten drei Meter der Ozeane allein entsprechen rund 10¹⁸ kg. Multipliziert mit dem Wärmekapazitäts-Verhältnis ergibt das: Die obersten drei Meter Ozean können so viel Wärme aufnehmen wie die gesamte Atmosphäre.

Das ist der Grund, warum über 90 Prozent der durch Treibhausgase verursachten Zusatzenergie in den Ozeanen landet. Die Atmosphäre, obwohl sie der sichtbare Schauplatz des Treibhauseffekts ist, ist nur der schmale Randbereich des Wärmespeichers. Die grosse Masse sitzt im Wasser.

Daraus folgt eine schwierige Einsicht: Die Erwärmung, die wir bisher erleben, ist nur der an die Luft zurückgegebene Teil. Der grössere Teil ist in den Ozeanen zwischengelagert. Selbst wenn die Emissionen heute sofort stoppen würden, würden die Ozeane diese gespeicherte Energie über Jahrzehnte und Jahrhunderte an die Atmosphäre zurückgeben. Das System ist nicht beim Stopp zu Ende, sondern bei der Äquilibrierung.

Für die Restauration heisst das: Eine spürbare Abkühlung der Oberfläche ist nur möglich, wenn die Atmosphären-Konzentration unter den heutigen Wert fällt. Solange sie hoch bleibt, bleibt auch das Energieungleichgewicht und die Ozeane laden sich weiter auf.

Ozeane sind nicht homogen. Vertikal bestehen sie aus drei Zonen: die warme, gut durchmischte Deckschicht (die obersten 50 bis 200 Meter), die Thermokline (Übergangszone mit stark abnehmender Temperatur), und das kalte, stabile Tiefenwasser.

Die Deckschicht nimmt Wärme und Gase direkt aus der Atmosphäre auf. Dort laufen auch die meisten biologischen Prozesse ab, weil Sonnenlicht ankommt. Phytoplankton-Blüten binden CO₂ über Photosynthese.

Die Thermokline wirkt als vertikale Barriere. Warmes Wasser ist leichter als kaltes, also bleibt es oben. Der Austausch zwischen Deckschicht und Tiefe ist langsam, er braucht Jahre bis Jahrzehnte, in kälteren Breiten länger.

Das Tiefenwasser speichert über Jahrhunderte. Wärme, die einmal in die Tiefsee gerät, bleibt lange dort. Das ist einer der Gründe, warum die Klimareaktion eine so lange Trägheit hat: heute aufgenommene Wärme in der Deckschicht wird über Jahrzehnte in die Thermokline und dann in das Tiefenwasser durchgereicht. Die Anpassung an die heutige Energiebilanz ist erst in rund hundert Jahren vollzogen.

Dieser Mechanismus ist der Grund, warum man die Ozeane als thermisches Gedächtnis bezeichnet. Sie speichern die Geschichte unserer Eingriffe und geben sie in den kommenden Generationen schrittweise an die Atmosphäre zurück.

Versauerung

CO₂-Aufnahme verändert die Chemie der Meere

Ozeane nehmen jährlich rund 30 Prozent der anthropogenen CO₂-Emissionen auf. Das dämpft den atmosphärischen Anstieg, hat aber chemische Folgen.
Der pH-Wert der Ozeane ist seit der Industrialisierung um rund 0,1 Einheiten gesunken, was einer rund 30 Prozent höheren Konzentration an Wasserstoffionen entspricht. Diese belastet kalkbildende Organismen wie Korallen, Plankton und Muscheln und wirkt in die gesamte marine Nahrungskette.

Strömungen

Erwärmung und Frischwassereintrag verändern Zirkulationen

Die atlantische meridionale Umwälzzirkulation (AMOC) und andere grosse Strömungen reagieren auf veränderte Temperaturen und Salzgehalte. Abschmelzendes Landeis in Grönland und der Westantarktis erhöht den Frischwassereintrag in Schlüsselregionen.
IPCC-Bewertungen halten eine Abschwächung der AMOC im Verlauf des 21. Jahrhunderts für wahrscheinlich; ein vollständiger Zusammenbruch gilt als unwahrscheinlich, ist aber mit Unsicherheit behaftet. Die Konsequenzen reichen von Wetterveränderungen in Europa bis zu verschobenen Niederschlagsmustern in den Tropen.

Die AMOC ist ein globales Förderband. Im Oberflächenwasser transportiert der Golfstrom warmes Wasser aus dem Golf von Mexiko entlang der nordamerikanischen Küste und über den Atlantik bis vor die britische und skandinavische Küste. Dort gibt das Wasser einen Teil seiner Wärme an die Atmosphäre ab, kühlt sich ab, wird durch Verdunstung salziger und damit schwerer. Es sinkt ab und fliesst als kaltes, salziges Tiefenwasser wieder nach Süden.

Diese Zirkulation transportiert rund 1 Petawatt Wärme nach Norden. Das ist ein Bruchteil der globalen Sonneneinstrahlung, aber genug, um das europäische Klima um mehrere Grad milder zu halten als es ohne AMOC wäre. Ohne AMOC wäre Oslo klimatisch näher an Anchorage als an seiner heutigen Lage.

Die AMOC reagiert empfindlich auf zwei Einflüsse. Erwärmung reduziert den Temperaturunterschied zwischen Tropen und Polen, also den Antrieb. Süsswasser-Einträge durch schmelzende Eisschilde reduzieren den Salzgehalt im nordatlantischen Absinkgebiet, also die Dichte, die das Absinken verursacht. Beides schwächt die Umwälzung.

Paläoklima-Daten zeigen, dass die AMOC in der Vergangenheit mehrfach abgeschwächt und teilweise zusammengebrochen ist, mit erheblichen Klimaverschiebungen in Europa und Afrika. Aktuelle Messungen zeigen eine Abschwächung seit den 1950er-Jahren. Ob ein abrupter Kipppunkt erreicht werden kann, und bei welcher Erwärmung, ist wissenschaftlich offen. Die Bandbreite der Schätzungen ist weit.

Die AMOC ist einer der Gründe, warum europäische Klimapolitik nicht nur eine Frage lokaler Temperaturen ist. Das europäische Klima hängt an einem überregionalen System, dessen Stabilität nicht garantiert ist.

Zusammenhang

Der Ozean kauft Zeit und ist selbst Teil der Aufgabe

Die Ozeane sind kein unabhängiger Rettungsanker, sondern ein Teil des belasteten Systems. Sie bremsen die Lufterwärmung und übernehmen dafür einen thermischen und chemischen Stress, der sich in Fischbestände, Küstenregionen und Infrastruktur überträgt.
Eine Stabilisierung des Klimas erfordert, die Lasten von den Ozeanen zu nehmen, nicht nur auf ihre Pufferleistung zu vertrauen. Siehe auch Kapitel 4 zur Rolle von Speichern und Senken.

Der Ozean schweigt, bis er spricht. Seine Puffer sind real, aber endlich.

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